Mississippi…: eine Rezension von Anastasia Kudinov

Inhalt:
„Mississippi Burning“ ist ein Film von Alan Parker, der im Jahr 1988 gedreht wurde und dessen Handlung in 1964 spielt. Der Film basiert auf einem tatsächlichen Ereignis in eben diesem Jahr, bei dem die Morde an drei Bürgerrechtsaktivisten untersucht worden sind.
Die zwei FBI-Agenten Rupert Anderson (Gene Hackman) und Alan Ward (Willem Dafoe) kommen nach Mississippi, um den Fall drei verschwundener Bürgerrechtler aufzuklären. Schnell stellt sich heraus, dass es hierbei um mehr geht. Mississippi lebt in einer Zweiklassengesellschaft. Schwarze werden grundlos gejagt und ermordet – Rassismus wird zum Leitgedanken.

 

Kritik:
„Nice!“ denke ich, als mir bewusst wird, worum es in „Mississippi Burning“ geht. Rassismus ist ein interessantes Thema und dass Alan Parker es schafft, mir schon in der Anfangsszene klar zu machen, worum es geht, beeindruckt mich. Es ist etwas unangenehm, sich eine Minute lang anzusehen, wie ein farbiges Kind nicht aus dem gleichen, modernen, nicht-kaputten Wasserhahn trinken darf, wie der weiße Mann. Währenddessen erklingt „Take My Hand Precious Lord“ von Mahalia Jackson im Hintergrund und begleitet mich in die nächste Szene. Sich für die darauf folgenden zwei Minuten ein brennendes Haus anzuschauen, wirkt ebenfalls unbehaglich. „Na, wenn das nicht bedeutet, dass sich der Film in den nächsten zwei Stunden gekonnt mit Rassismus auseinandersetzen wird!“ freue ich mich. Zwei Stunden später bin ich bereit für eine Kritik, die dem Film genauso eine Ohrfeige verpassen soll, wie der Film meinen Erwartungen eine verpasst hatte.
„Mississippi Burning“ hat nichts von dem erreicht, was ich glaubte durch die erste Szene suggeriert zu bekommen. Der Film zeigt lediglich zwei mehr oder minder sympathische, amerikanische Agenten, die den leicht zurückgebliebenen Mississippi-Bewohnern zeigen müssen, was Moral eigentlich bedeutet.

Was genau erweckt einen solchen Eindruck? Was lässt den Film 29 Jahre später so alt aussehen?

„Mississippi Burning“ behandelt ein zeit- und grenzenloses Thema: Mit unterschiedlichen Kulturen, die im selben Land nebeneinander existieren, musste und muss sich eine Gesellschaft überall auf der Welt befassen. Nicht nur in den USA und nicht nur in Mississippi. Ja, die Thematik von Rassismus ist komplex und gewiss nicht durch einen zweistündigen Film zu klären, aber wenn man dem Zuschauer eine Moral zum Thema Rassismus vermitteln will, kann man in Betracht ziehen die unterdrückte Gruppe zu Wort kommen zu lassen.
Hier hat der Film seine erste logische Lücke: Schwarze Darsteller haben kaum Dialoge. Es gibt wenige Charaktere, die überhaupt erwähnenswert wären[1], aber deren Gedanken oder Intentionen dem Zuschauer nie deutlich gemacht werden. Manchmal sieht man ein paar Ausschnitte von den Lebensumständen, die vor allem im Kontrast zu den Wohnungen der Weißen Mitleid und Wut hervorrufen. Ansonsten sehen wir Schwarze nur in Gruppen, in Kirchen, oder wie sie gerade misshandelt werden.
Dadurch, dass der Film Schwarze lediglich als stille Opfer der etablierten Partei von Extremisten und Polizisten darstellt, ohne ihnen eine Identität zu geben, bleibt das Identifikationspotential aus. Die Perspektive ist nicht authentisch gewählt. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, er müsste den armen Schwarzen beschützen, weil… ja warum eigentlich? Weil der Ku-Klux-Klan[2] so eine fanatische Organisation ist oder weil man die Agenten doch eigentlich irgendwie sympathischer findet als den Rest? Immerhin handeln die wenigstens vernünftig, oder?

Hier stoßen wir auf die zweite logische Lücke: Die FBI-Agenten sind zwar die Moralträger im Film, aber die Moralträger bieten kaum charakterliche Tiefe. Zum Beispiel trägt Agent Ward nicht viel zum Fall bei, außer seinem Kollegen Anweisungen zu geben. Generell schafft er es den ganzen Film lang besonders emotionslos zu wirken.
Anderson dagegen bildet einen komplexeren Charakter. Er scheint mehr involviert zu sein, weil er verschiedenste Bewohner ausfragt. Er geht auf die einzelnen Menschen unterschiedlich ein. Er reagiert oft emotional. Die Frauen der Stadt scheinen ihn gar zu
mögen. Er verteidigt seine eigenen Untersuchungsmethoden und lehnt sich an einigen Stellen gegen Ward auf. Er kritisiert sogar die Moralpredigten seines Kollegen. Das alles lässt Anderson menschlich erscheinen. Nichtsdestotrotz nutzt der Agent gewalttätige Methoden, um an sein Ziel zu kommen. Diese werden lediglich durch seine eigenen Moralvorstellungen gerechtfertigt.
Ward wirkt nicht tiefgründig genug, um die Intentionen nachvollziehen zu können – Anderson wirkt nicht vernünftig genug, um seine Handlungen rechtfertigen zu können.

Zudem suggeriert der Film, dass im Rest Amerikas keine anderen Auseinandersetzungen mit Rassismus von Nöten seien. Dort werden Schwarze nicht misshandelt oder wie Untermenschen behandelt. Dabei ist das Thema Rassismus noch heute ein Thema in den Vereinigten Staaten, was zum Beispiel der Vorfall in Ferguson 2014 und die seit dem entstandene „Black Lives Matter“-Bewegung[3] zeigen.
Auch die Frauen scheinen im Rest Amerikas bereits emanzipiert. Zumindest beschreibt Anderson der lokalen Frisöse seine Exfrau so, dass sie unabhängig von ihm sei und dass es ihr nichts ausgemacht habe sich von ihm zu trennen. Sie könne sich einfach für jede Gelegenheit einen anderen Mann suchen. Anderson tritt dann aus dem Haus und beschreibt Ward, wie typisch es für die Kleinstadtfrauen sei, sich vom Mann herumkommandieren zu lassen[4]. Dieser Kontrast lässt das Motiv der unterdrückten Frau für den Zuschauer nur in Mississippi stattfinden.

Die Bewohner des Südstaates fühlen sich dementsprechend angegriffen – die da oben aus New York mit ihrer Propaganda kommen her, um uns zu belehren. Leider stellt der Film es genau so dar: Es kommen zwei FBI-Agenten auf dem Norden nach Mississippi, um die Schwarzen aus den Fängen des bösen Ku-Klux-Klans zu befreien[5] und nebenbei dem Bundesstaat den moralisch richtigen Weg zu weisen.

So wird auf die Intentionen des Ku-Klux-Klan auch nur bedingt eingegangen. Insgesamt sind sie eine böse, patriotische, propagandistische Gruppe, die Unrecht tut. Sicher hätte man weit tiefgründigere Intentionen als nur Rassentrennungsideologie beleuchten können. So zum Beispiel Machtverlust, -erhalt und -verhältnisse zwischen den zwei verschiedenen Kulturen innerhalb Mississippis. Diese beinhalten neben dem Ku-Klux-Klan auch die normalen Zivilbürger. Zudem hätte der Konflikt zwischen nördlichen und südlichen Staaten in mehr als nur Parolen und gegenseitigen Propagandavorwürfen beleuchtet werden können.

Mit über zwei Stunden Länge hätte der Film die Möglichkeiten dazu gehabt, mit wenigstens einer Hauptthematik in die Tiefe zu gehen. Stattdessen werden viele verschiedene Themen angesprochen – eine konkrete Lösung oder authentische Darstellung von Charakteren darf der Zuschauer jedoch nicht erwarten. Lieber wird die Zeit mit Gewalt und Emotion gefüllt. Gerade bei einer Auseinandersetzung mit Rassismus und Feminismus wäre es progressiv gewesen nicht auf Mitleid zu setzen. Dieses wird beispielsweise durch Kinder, die bei bei politischen Versammlungen von der Kamera fokussiert werden oder Gewalt ausgesetzt sind, ausgelöst. Dabei hätte die Tatsache, dass „nicht-weiße“ beziehungsweise „nicht-männliche“ Menschengruppen nicht human behandelt werden, vollkommen gereicht.

Könnte es daran liegen, dass es in 1988 zeitgemäß war komplexe Themen nur anzureißen und primär Weiße als Hauptdarsteller zu benutzen?

Ganz im Gegenteil. 1988 war ein Jahr in dem Clint Eastwood mit „Bird“ bereits komplett in die afro-amerikanische Perspektive des Jazzspielers Charlie ‚Bird‘ Parker eintaucht. Hierbei wird eine komplexe Persönlichkeit aufgezeigt, die mit Problemen und gleichzeitig mit Erfolgen zu kämpfen hat, dabei aber jederzeit dreidimensional wirkt. Mit Ausnahme von Parkers Frau spielen hier weiße Charaktere eher Nebenrollen. In 1988 bietet zudem Katsuhiro Otomo mit „Akira“ eine Auseinandersetzung mit dem Posthumanismus[6]. Dieser animierte Denkanstoß wird Jahre später einen bedeutenden Beitrag auf internationaler Ebene zu dem Genre leisten. Da schafft es „Mississippi Burning“ weder in Charakterdarstellung noch in der Auseinandersetzung einer komplexen Thematik mitzuhalten. Da schaue ich mir lieber „To Kill a Mockingbird“ (1962) nochmal an, der Rassismus, Machtverhältnisse und Gerechtigkeit 26 Jahre im Voraus behandelt.

Insgesamt hat sich „Mississippi Burning“ angefühlt, als wäre das „Damsel in Distress“-Trope[7] auf einen ganzen Staat verlagert worden, der nun von den gebildeten, weiterentwickelten Amerikanern in Form von Agenten gerettet werden muss.
Der Bundesstaat Mississippi, mit damals immerhin 2.5 Millionen Einwohnern, fühlt sich an wie ein zurückgebliebenes Dorf. Die Bürger von Mississippi scheinen nicht erkannt zu haben, dass der Rest Amerikas schon längst den Rassismus bekämpft, und auch sonst irgendwie bereits alle Probleme gelöst hat. Schade, denn die Filmlänge, die Schauspieler und der gewählte Zeitraum zur Auseinandersetzung mit Rassismus hätten durchaus Potential zu mehr gehabt.

 

rezensiert im Wintersemester 2017/2018

 

Fußnoten:

[1] So zum Beispiel der junge Prediger und einer der wenigen schwarzen Sympathieträgern Aaron Williams (gespielt von Darius McCrary) oder der schwarze Agent Monk (gespielt von Badja Djola), der SPOILER: eine ganze Szene bekommt, um ein Mitglied des Ku-Klux-Klans mit seinen Taten zu konfrontieren.

[2]  Gegründet in 1865 in Tennessee, fing der Ku-Klux-Klan als nicht-politische Organisation an. Zuspruch bekammen aber die nächtlichen, maskierten Ausritte aus dem ganzen Süden der USA, weil sich Schwarze, die damals noch Sklaven waren, davon einschüchtern ließen. Der Ku-Klux-Klan protestierte vor allem gegen die im Norden aufgestellte Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ku-Klux-Klan)

[3]  http://edition.cnn.com/2016/08/09/us/ferguson-michael-brown-timeline/index.html 

[4] Der Film reißt die feministische Debatte an mehreren Stellen an. Eine Szene in der Frauen mit Schwarzen zusammen auf dem „Freiheitsmarsch“ mitlaufen oder die Beziehung zwischen Anderson und Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau vom Deputy wären Beispiele dafür. Dieses Thema wird aber nur oberflächlich angerissen. (SPOILER: Sehr bemerkenswert ist dabei aber die Entscheidung von Mrs. Pell am Ende des Films nicht mit Anderson mitzugehen. Sie äußert dadurch einen klaren, eigenen Willen und Stärke alleine mit ihrer Situation fertig zu werden)

[5]  Trivia: In westdeutschen Filmen nach Ende des zweiten Weltkriegs gab es eine ähnliche Motiv. Es gibt eine böse Partei (im deutschen Falle die Nazis und manchmal auch die Russen) und die Opfer (in westdeutschen Filmen, keine Juden, sondern gebildete deutsche Bürger). Der Zuschauer fiel damit in eine Gruppe, die irgendwie da ist, aber nichts mit irgendwas zu tun hat. Somit musste der normale Bürger sich nicht mit Schuld auseinandersetzen.
„Mississippi Burning“ greift die Schuldthematik aber direkt auf (SPOILER: und spricht deutlich an, dass alle, die nichts gegen Unrecht unternehmen, Mitschuldige sind. Es entflieht der Schuldfrage nicht, aber leider reißt es diese nur einigen Stellen an). Quelle: https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-46538/klfvhz9j/ZB00_0006407.pdf; https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-46538/x481iz9j/ZB00_0006421.pdf

[6]  Posthumanismus beschreibt die ökologischen und technologischen Auswirkungen der Menschen auf die Umwelt. Meist wird dieses Konzept in cinematischen, literarischen und populären Werken in Form von Dystopien oder Zukunftsversionen der Menschheit dargestellt. Manchmal, und das thematisiert „Akira“ als eines der ersten Werke, geht es aber auch um die Transformation des Menschen in etwas Nicht-Menschliches, Technologisches. Es behandelt Fragen wie: „Worin unterscheidet sich der Mensch noch vom Roboter, wenn Roboter ein Bewusstsein einprogrammiert hätte?“ und „Wie geht eine Gesellschaft mit einer solchen Transformation um?“ Später entsteht der Begriff Transhumanismus, der ebendiese Transformation von Mensch zu Maschine näher beschreibt.

[7] Definition: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/DamselInDistress?from=Main.DistressedDamsel

Weitere Quellen:
http://alanparker.com/film/mississippi-burning/making/
http://www.imdb.com/title/tt0095647/awards?ref_=tt_awd
http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Film/MississippiBurning