Filmdaten: Der Gott des Gemetzels

Frankreich/Deutschland/Polen 2011
(Original-Titel: Carnage)
 
Regie: Roman Polanski
 
Drehbuch: Yasmina Reza, Roman Polanski
 
Produktion: Saïd Ben Saïd
 
Kamera: Pawel Edelman
 
Schnitt: Hervé de Luze
 
Musik: Alexandre Desplat
 
Besetzung: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly
 
Länge: 79 Min
 
FSK: 12
 

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Der Gott des Gemetzels…: eine Kritik von Philip Lortz

Streitereien auf dem Spielplatz hat wahrscheinlich schon jeder miterlebt. Für die Kinder sind diese meist nach wenigen Stunden vergessen, die Eltern jedoch quälen hinterher oft Gedanken über falsche Erziehung und es folgen teils schwierige Gespräche mit anderen Eltern. Eben dieses Szenario bringt Roman Polanski, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza, 2011 auf die Leinwand.

Prolog: Zwei Elfjährige bekommen einen Streit. Die Situation eskaliert und einer der Jungen verliert nach einem Schlag mit einem Stock zwei Zähne.

Die Eltern beider Parteien treffen sich zu einem Gespräch, um die Situation verantwortungsvoll und zivilisiert aufzubereiten. Die jeweiligen Streitpunkte sind schnell geklärt. Gerade als Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowen (Kate Winslet), die Eltern des ‚Täters‘, die Wohnung verlassen wollen, werden sie von den Eltern des ‚Opfers‘, Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster), auf einen Kaffee eingeladen. Die Parteien kommen dabei auf den Streit der Söhne zurück und es werden immer energischer neue Punkte besprochen. Schnell überträgt sich der Konflikt der Jungen auf die Erwachsenen.

Es folgen Anschuldigungen, Vorwürfe und eine Beamtenherrschaft, als hätte man die Werte und Normen der Gesellschaft erfunden. Die vermeintlich vernünftigen Eltern verwandeln sich nach und nach in kleine Kinder, die so wirken, als würden sie sich in der Sandkiste gegenseitig mit Sand bewerfen.

Gerade die verschiedenen Charaktere der Protagonisten spitzen diesen Streit zu: Besonders Alan, der als Anwalt für einen Pharmakonzern arbeitet, ist hier die treibende Kraft. Immer wieder fängt er an zu telefonieren und stichelt so die angespannte Situation durch sein zur Schau gestelltes Desinteresse an.

Der eigentliche Streit der beiden Söhne verliert irgendwann komplett an Bedeutung, so dass es beinahe so wirkt, als wären die Eltern nur zum gemeinsam Luft ablassen zusammengekommen sind. So wird schnell deutlich, dass die Protagonisten ganz eigene Probleme mit sich herumschleppen, die wiederum untereinander neue Streitpunkte hervorbringen. Eben diese werden in teils überzeichneten Zuspitzungen passend pointiert und zeigen, wie sinnlos der (ursprüngliche) Konflikt doch ist. Dass das den Protagonisten nicht auffällt, liegt wohl daran, dass sie selbst schon zu wenig reflektierenden Kindern geworden sind, die in ihrem Tunnelblick nur noch Blick für den eigenen Punkt haben. Als dann der Alkohol ins Spiel gebracht wird, wird die Büchse der Pandora geöffnet und der Streit eskaliert in einem Wirrwarr von Diskussionen. Die Ketten des zivilisierten Erwachsenseins sind endgültig gelöst und es wird gezankt und gestritten, als wäre der Single Malt ein Verjüngungstrank gewesen. Hier ist es wieder Alan, der mit seiner zynischen Art gefallen an den ungezügelten Streitigkeiten findet und den Konflikt amüsiert immer weiter zelebriert.

Polanskis bzw. Rezas Gesellschaftssatire ist stellenweise sehr offensichtlich und überrascht den Zuschauer auch nicht wirklich, aber sie zeigt, dass auch die zivilisiertesten Eltern in unsinnige und kindische Zankereien verfallen können.  Die Geschichte ist auf, teils bitterschwarze, humoristische Art und Weise dargestellt, was womöglich den zuschauenden Eltern immer wieder ein Lachen ins Gesicht treibt, die Jugendlichen und Kinder aber wohl bibbernd mit der Hoffnung „Bitte lass mich nicht genauso werden“ zurücklässt.

verfasst im Sommersemester 2018

Der Gott des Gemetzels…: eine Rezension von Eric Scheller

Filme mit begrenztet Schauplätzen, oder nur einem Schauplatz sind, wenn auch nicht allzu häufig, ein Konzept an dem sich schon mehrere Regisseure versuchten. Sei es James Wans SAW von 2004, Rodrigo Cortés‘ Buried von 2010, oder Klassiker wie Alfed Hitchcocks Werk Das Fenster zum Hof (1954), das Konzept nur einen Schauplatz in einem Film zu haben kann, wenn richtig umgesetzt, zu sehr interessanten Werken führen.

Auch der Regisseur Roman Polanski, bekannt für u.a. Chinatown (1974) und Der Pianist (2002), versuchte sich 2011 an diesem Konzept (später in 2013 dann mit Venus im Pelz erneut) mit der Adaption des Theaterstückes Der Gott des Gemetzels (Originaltitel Le Dieu du Carnage).

In der Schwarzen Komödie Der Gott des Gemetzels ist dieser eine Raum das Wohnzimmer der Familie Longstreet, in welchem sich das Ehepaar Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster) mit dem Ehepaar Nancy (Kate Winslet) und Alan Cowan (Christoph Waltz) unterhält. Kleine Ausnahmen sind kurze Ausflügen ins Bad und in den Flur. Grund für das Gespräch der, zuvor einander unbekannten, Paare ist das Verhalten ihrer Kinder: Der Sohn der Cowans, Zachary, hat Ethan Longstreet mit einem Stock attackiert und ihm dabei zwei Zähne herausgeschlagen. Die Longstreets geben sich friedlich und die Cowans schuldbewusst, gemeinsam wollen die Elternpaare den Konflikt lösen und die Wogen zwischen den Familien glätten. Im Verlaufe des Gespräches spitzt sich die Lage jedoch immer weiter zu, beide Seiten lassen ihre aufgesetzte Freundlichkeit fallen und die Atmosphäre wird immer chaotischer und aggressiver.

Abgesehen von ein paar Kindern die in einer Anfangs- und einer Endszene im Hintergrund zu sehen sind, sind Waltz, Foster, Winslet und Reilly die einzigen Schauspieler in diesem Film und befinden sich fast den ganzen Film über in einem vier-Personen-Gespräch. Mit einem so minimalistischen Aufbau ist es an Regisseur und auch Schauspielern das, den ganzen Film über gleichbleibende, Szenario so zu gestalten, dass der Zuschauer nicht das Interesse an verliert. Gott des Gemetzels überzeugt dabei vor allem dank seiner Dialoge und Charaktere, die alle einen hervorragenden Job machen, zur Komik und Atmosphäre des Films beizutragen. Dabei tragen der zunächst freundlich wirkende, doch Hamster tötende, Nihilist Michael, die strikte Weltverbesserin Penelope, die von ihrem Mann genervte Nancy und der zynische und provokante Anwalt Alan alle ihren Teil zu einer Reihe von äußerst skurrilen Dialogen und Situationen bei. Komischer wird die Situation in dem sich die Charaktere immer wieder untereinander zusammenschließen nur um dann kurz darauf wieder aneinander zu raten.

Dabei sticht vor allem Christoph Waltz‘ Verkörperung des Alan Cowan heraus, welcher mit seiner meist ruhigen doch provokanten Art und einem Grinsen im Gesicht große Freude daran zu haben scheint die chaotische Situation noch weiter zu eskalieren. Auch den geschäftigen Anwalt der das Gespräch immer wieder mit Telefonaten unterbrechen muss, da ihm der Beruf doch etwas wichtiger als das eigene Kind zu sein scheint, kauft man ihm gerne ab.

Während man sich doch schnell teilweise mit Alan sympathisierend sieht und die ganze Situation schmunzelnd betrachtet, tritt eher das Gegenteil mit Jodie Fosters Penelope Longstreet ein:

Ihre Vorstellungen von Moral und Recht in der Welt lebt sie nicht nur selber strikt aus, sondern möchte diese auch allen anderen aufzwingen. Mit der chaotischen Situation und der Einstellung von vor allem ihrem Mann und Alan kommt sie gar nicht zurecht und wird das eine oder andere Mal hysterisch. Foster schafft es dabei den Charakter der Penelope möglichst unsympathisch und nervenaufreibend rüber zu bringen.

Der Film geht generell gerne das Risiko ein unerträglich zu werden: Zu Beginn ist es die fühlbar falsche Freundlichkeit und die unangenehmen Spannungen zwischen den Charakteren, die deutlich sichtbar sind. Später sind es die recht kindlichen und auch belanglos wirkenden Streitereien, die dafür sorgen, dass die unangenehmen Atmosphären an verschiedenen Stellen des Filmes, wenn auch gewollt und stark inszeniert, sich doch etwas in die Länge ziehen. Man wünscht sich zwischendurch immer wieder die Cowans, welche bereits zwei Mal versucht haben die Wohnung zu verlassen, würden nicht wieder in das Wohnzimmer zurückkehren.

Der Zuschauer sieht die ganze Situation immer mehr wie Alan oder später auch Michael; das ganze Gespräch führt doch zu nichts.

Während ein Zuschauer im Theater die ganze Zeit die gesamte Bühne sieht und somit auch alle Charaktere zur gleichen Zeit beobachten kann, werden im Film immer wieder durch gezielte Nahaufnahmen und Kamerawinkel Charaktere und auch Zusammenschlüsse unter den Charakteren in den Fokus gerückt. Zusammen mit den gelegentlichen Ausflügen ins Badezimmer, den Flur oder die Küche der Longstreets sind zwar die Wurzeln als Theaterstück klar erkennbar, jedoch fühlt sich das ganze so als richtiger Film an, trotz des ungewöhnlichen Settings.

Roman Polanski schafft ein gesellschaftskritisches Werk, in dem selbst die zivilisiertesten Menschen ihre Fassade fallen lassen und sich wie Kinder Beleidigungen und Vorwürfe an den Kopf werfen, das vor allem dank seiner Schauspieler zu überzeugen weiß. Auch wenn man sich zuweilen ein Ende des Debakels wünscht, schaffen es Regisseur und Schauspieler im Ganzen ein Kammerspiel zu inszenieren, dass dem Zuschauer über die gesamte Laufzeit etwas zu bieten hat.

Trifft einen der skurrile und zynische Humor des Filmes nicht wirklich kann es jedoch schwer werden dabei zu bleiben; die unangenehme Atmosphäre, der ein oder andere nervige Charakter so wie die Sinnlosigkeit der ganzen Situation können schnell dazu führen, dass weniger interessierte Zuschauer das Interesse komplett verlieren.

verfasst im Sommersemester 2018

Der Gott des Gemetzels…: eine Kritik von Friederike Bücker

Der Gott des Gemetzels („Carnage“, 2011) ist Roman Polanskis Verfilmung des im Deutschen gleichnamigen Theaterstücks der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza.

Der Film behandelt ein Treffen zweier Ehepaare, die eine Auseinandersetzung zwischen ihren Kindern aufzuarbeiten versuchen. In einem Streit, den die Zuschauer*innen im Vorspann aus der Ferne beobachten, hat Zachary Cowan dem gleichaltrigen Ethan Longstreet im Brooklyn Bridge Park zwei Zähne mit einem Ast ausgeschlagen. Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass deshalb seine Eltern Nancy und Alan in der Wohnung der Longstreets sind, wo Ethans Mutter Penelope die Geschehnisse protokolliert. Ihr Mann Michael und die Cowans stehen dabei unterstützend zur Seite. Und auch während vorsichtig über die Wortwahl diskutiert wird – war der Junge nun mit einem Stock „bewaffnet“ oder nur „ausgerüstet“? – sind beide Paare bemüht, sich ausgesprochen höflich und entgegenkommend zu präsentieren. Schließlich ist man erwachsen und kann Konflikte vernünftig und diplomatisch klären. Was ursprünglich nur ein kurzer Besuch werden sollte, zieht sich in die Länge, als zum Beispiel die Longstreets noch auf ein Stück Kuchen einladen, sich Nancy über den Couchtisch erbricht und als schließlich der Whiskey hervorgeholt wird.

Doch immer wieder bröckelt die Fassade und die Figuren können nicht verbergen, wie groß die Abneigung zu einander und dem eigenen Leben tatsächlich ist: Alan (Christoph Waltz) interessiert sich nur für seine Karriere als Rechtsanwalt, bei der er einen Pharmakonzern vertritt, und ist die meiste Zeit über am Telefon. Nancy (Kate Winslet) ist Anlageberaterin und wollte eigentlich nie Kinder haben, ist deshalb unzufrieden mit ihrem Leben, aber bemüht sich dennoch, ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden. Penelope (Jodie Foster), die im Buchhandel arbeitet und nebenbei über Afrika schreibt, lebt nach festen Wertvorstellungen, an denen sie trotz massiven Widerstands der anderen verzweifelt festzuhalten versucht. Und Michael (John C. Reilly), ein Haushaltswarenhändler, gibt sich zwar als gutmütiger Familienvater, ist aber eigentlich Nihilist, dem seine Familie ähnlich viel bedeutet wie Alan.

Konflikte zwischen den Figuren treten zuhauf auf: Mal entrüstet sich Nancy darüber, dass Michael den Hamster seiner Tochter aus Abneigung vor Nagetieren ausgesetzt hat; mal machen sich alle über die politisch korrekte Penelope lustig, die dem Zynismus der anderen zum Trotz an ihren Idealen festhält. Ständig klingelt Alans Handy, was alle anderen zur Weißglut treibt. Zu Beginn des Films fragt man sich noch, wann Nancy sich endlich scheiden lässt, denn ihr Mann ist nicht nur ein selbstgerechter, ignoranter Chauvinist, sondern lässt sie auch mit Pflichten in Haushalt und Familie völlig alleine. Später erkennt man, dass sie wahrscheinlich in Wirklichkeit gerne so leben würde wie er und dass die Ehe der Longstreets keineswegs glücklicher oder weniger verkorkst ist als ihre. Im einen Moment heißt es Ehepaar gegen Ehepaar, im Nächsten tun sich jeweils die beiden Frauen und Männer gegen ihre Partner bzw. Partnerinnen zusammen. Letztendlich ist es jede*r gegen jede*n, laut Der Gott des Gemetzels der Naturzustand der Menschheit. Zynisch ist dabei nicht nur die Botschaft des Films, sondern auch die Tatsache, dass überhaupt jemand wie Roman Polanski das Thema „Kindeswohl“ behandelt.

Abgesehen von Vor- und Abspann, die die Kinder im Park zeigen, spielt die gesamte Handlung in der Wohnung der Longstreets und der Dialog teilt sich ausschließlich auf die beiden Elternpaare auf, was ein durchaus interessantes Konzept ist. Der Film besteht letztlich aus vier Hollywoodgrößen, die sich auf kleinstem Raum schauspielerisch austoben, während die Hüllen der Zivilisation fallen. Kritisiert wird im Wesentlichen die pseudo-aufgeklärte, intellektuelle gehobene Mittelschicht, bei der der Film interessanterweise besonders gut ankam. Wer sich weder am Nihilismus und der pessimistischen Weltsicht, noch an Roman Polanski stört, wird mit diesem Film wahrscheinlich gut unterhalten werden.

verfasst im Sommersemester 2018