Filmdaten: Network

USA 1976

(Originaltitel: Network)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paddy Chayefsky

Produktion: Howard Gottfried

Kamera: Owen Roizman

Musik: Elliot Lawrence

Schnitt: Alan Heim

Darsteller: Peter Finch: Howard Beale // Faye Dunaway: Diana Christensen // William Holden: Max Schumacher // Robert Duvall: Frank Hackett

Länge: 121 Minuten

FSK:  16

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Network…: eine Kritik von Sebastian Seif

Der scheidende Nachrichtenmoderator Howard Beale erklärt vor laufenden Kameras, dass er bei seiner nächsten und letzten Sendung Selbstmord begehen wird. Die Einschaltquoten der Nachrichtensendung steigen nach dieser Sensationsankündigung. Auch als sich Beale am folgenden Tage zwar nicht das Leben nimmt, aber ungewohnt authentisch sagt, dass es ihm einfach „beschissen“ geht. Die Zuschauer lieben den veränderten Beale, der vielen aus der Seele zu sprechen scheint. Die junge, skrupellose Programmchefin Diana Christensen sieht in Beale die Möglichkeit den finanziell angeschlagenen Sender zu retten und will Beale als „Zornigen Propheten, der die Verlogenheit unserer Zeit anprangert“ vermarkten. Beale wird in der Folge immer verrückter und die Nachrichtensendung verkommt immer zu einer Zirkusshow mit Hellsehern und Predigten von Beale. Nur der gefeuerte Chef der Nachrichten Max Schumacher ist wirklich um Beale und seine geistige Gesundheit besorgt und will ihm helfen. Doch der Sender und Diana sind nur an den Quoten und den Werbeeinnahmen interessiert. Denn dafür, dass diese Zahlen stimmen, sind sie bereit alles zu tun.

Das US-Kino der 1970er Jahre stand lange im Zeichen der New Hollywood-Bewegung und dem Kampf der Filmstudios gegen rückläufige Besucherzahlen und schwindende Einnahmen.

Die Loslösung vom Production Code, der zuvor die Freiheit der Filmemacher eingeschränkt hatte, führte zur Verfilmung neuer Themen und spürbar mehr Mut bei den Filmstudios. MGM, ein Hollywood-Studio, das zur Hochzeit des US-Kinos nicht gerade für gesellschaftskritisch Werke bekannt war, brachte 1976 mit „Network“ eine beißende Fernsehkultur-Kritik in die Kinos. Die Satire über eine Fernsehanstalt von Regisseur Sidney Lumet, der selber auch Filme fürs Fernsehen drehte, lässt dabei kein gutes Haar am TV-Business. Durch die überzeichneten Charaktere, eine Menge Situationskomik und der schieren Absurdität des dargestellten TV-Wahnsinns gibt es für den Zuschauer dabei sehr viel zu lachen. Nebenbei werden noch viele weitere in den 70er Jahren aktuelle Themen wie die Emanzipation der Frauen, New-Age Religionen, Inflation oder Terrorismus angeschnitten. Der Zorn vieler Amerikaner nach Watergate und Vietnam ist dabei ein zentrales Thema des Films. Beale, auf den ersten Blick ein normaler langweiliger Nachrichtensprecher, wird zum Sprachrohr dieser wütenden Amerikaner. Er glaubt, dass er wegen seiner Präsenz im Fernsehen und der damit verbundenen Macht Leute zu beeinflussen, von einer göttlichen Macht ausgewählt wurde wichtige Botschaften zu verkünden. Die Figur Howard Beale, den wir im Laufe des Films, als Opfer des TV-Business immer mehr dem Wahnsinn verfallen sehen, wird von Peter Finch verkörpert, der es schafft, die Anziehungskraft des verrückten Propheten durch sein Spiel eindrucksvoll darzustellen. Posthum erhielt er für seine Leistung den Oscar als bester Schauspieler. Die kaltblütige Instrumentalisierung Beales, u.a. durch die Programmchefin Diana, lässt den Zuschauer dabei Sympathie und Mitgefühl für ihn empfinden.

Karrierefrau Diana, die wir im ganzen Film als vorwiegend mit negativen Charaktereigenschaften, wie Skrupellosigkeit und übersteigerten Ehrgeiz behaftete Figur kennenlernen, wirkt wie das personifizierte Schreckensbild aller Emanzipationsphobiker. In ihrer Kaltblütigkeit, ist sie für gute Quoten sogar bereit einen Deal mit Terroristen einzugehen. Diana wird als Kind der ersten TV-Generation und als Produkt des TV-Konsums gezeigt. Ihr direkt gegenübergestellt steht die Figur des Max Schumachers. Ein „kantiger Mann mittleren Alters“, der nach seiner, auch von mit von Diana initiierten, Kündigung als Nachrichtenchef eine Midlife-Crisis durchlebt. Er stammt noch aus einer Zeit vor dem Fernsehen und beginnt eine Affäre mit Diana. Anhand dieser Liebesgeschichte wird ein TV-Generationskonflikt thematisiert. Max wird dabei als ein emphatischer und sympathischer Charakter gezeigt, welcher zur Liebe fähig ist, während Diana diese Fähigkeit abgesprochen wird.

Die Kritik am TV in „Network“ ist sehr radikal. Während andere Mediensatiren wie z.B. die Comedy-Serie „30 Rock“ eher parodistischer Natur sind und mit einem liebevollen Augenzwinkern den Fernseh-Zirkus darstellen, gleicht die Kritik in „Network“ eher einer Kreuzigung. Das Fernsehen wird als Personifizierung aller negativen menschlichen Eigenschaften, wie Hass, Zorn und Furcht dargestellt. Und die Macher als skrupelloser, fluchender Haufen die mit ihrem „Nuttensender“ nur Profit erzielen wollen. Kritik mit der Holzhammer-Methode. Wenn beispielsweise Max zu Diana sagt: „Du bist wie das Fernsehen…alles was du anfasst stirbt“ hat auch der letzte im Kinosaal verstanden, dass die Macher des Films keine allzu hohe Meinung vom TV haben. Eine stellenweise etwas differenzierte und subtilere Kritik hätte der starken Botschaft des Films wohl auch keinen Abbruch getan. Neben der humoristischen Ebene macht der Film durchaus auch nachdenklich und regt dazu an die eigene Mediennutzung und das System Medien zu hinterfragen.

Eine der stärksten Szenen des ganzen Films ist zweifelsohne die, in der wir zum ersten Mal die Macht Beales als „Propheten der zornigen Amerikaner“ und seinen Einfluss auf das millionenfache Fernsehpublikum sehen. Nachdem Beale in einer zornigen Tirade in der Sendung jeden seiner Zuseher dazu aufruft das heimische Fenster zu öffnen und es ihm gleichzutun und: „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich lass mir das nicht mehr länger gefallen!“ in die Nacht zu schreien, öffnen sich in einem Hochhaus massenhaft Fenster. Begleitet von Donnerschlägen, schreien zornige Amerikaner Beales Satz in den von gelegentlichen Blitzen erleuchteten schwarzen Nachthimmel. Die im Film sonst nur durch Einschaltquoten bezifferte, schwer fassbare Komponente des amerikanischen Fernsehzuschauers und der Zuspruch der Massen für Beale tritt hier das einzige Mal im Film sichtbar in Erscheinung.

Leider baut der Film nach der Hälfte etwas ab und verliert die Figur Howard Beale zunehmend aus dem Fokus. Beale ist nur noch in einer Handvoll Szenen zu sehen. Dadruch distanziert man sich zunehmend vom tragischen Schicksal Beales. Zusätzlich wird der Film im weiteren Verlauf etwas anstrengend, da eine Vielzahl von Themen und Rollen (Schumachers Ehefrau; der allmächtige Firmenchef Jensen) auch noch zu relativ späten Zeitpunkten neu eingeführt werden. Das Thema des Wertverlusts des Dollars und die Angst vor dem Aufkauf US-amerikanischer Unternehmen durch Investoren aus Saudi-Arabien war sicherlich ein aktuelles und brisantes Thema in den 70er Jahren. Die Story des Films bereichert es jedoch leider weniger.

Trotz der aufgeführten Kritikpunkte ist „Network“ aber auch im Jahre 2018 noch sehenswert. Themen wie Qualität von Nachrichten und die Macht von „Demagogen“ durch ihre Präsenz im Fernsehen sind heute immer noch hoch brisant. So dass sich auch ein mehr als 40 Jahre alter Film noch erstaunlich aktuell anfühlen kann.

 

geschrieben im Sommersemester 2018

 

 

Network…: ein Text von Elena Hölzer

In der Zeit des Internets, den sozialen Medien und Reality TV verwischen sich schnell die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. Wir akzeptieren, was wir im Fernsehen sehen und nehmen diese Realität an.

„Wo es Wirkungen gibt, sind auch Risiken und Nebenwirkungen. Digitale Medien erledigen geistige Arbeit für uns und nehmen uns das Denken ab […]. Medien bringen nicht den Ausgleich, wie oft behauptet wird, sondern verstärken bestehende Ungleichheiten und wirken dadurch unsozial statt sozial.“

So lautet es in einem Artikel zur Nutzung sozialer Medien und des Internets.

Und genau das zeigt der Film ,,The Network‘‘ aus dem Jahre 1976. Obwohl er nicht das Internet, sondern das Fernsehen ins Zentrum stellt, ist er über 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung mindestens genauso relevant wie damals.

Die Handlung dreht sich um die Figuren Max, Howard und Diana. Alle drei sind bei dem TV-Netzwerk UBS in New York angestellt. Zu Beginn des Films wird Howard nach über 25 Jahren als Nachrichtensprecher wegen niedrigen Quoten gefeuert. In seiner Verzweiflung kündigt er in einer seiner letzten Sendungen seinen geplanten Selbstmord vor laufender Kamera an. Obwohl es nie zu diesem Selbstmord kommt, schießen die Einschaltquoten in die Höhe. Diana ist die

Programmmanagerin und sieht den ,,verrückt‘‘ gewordenen Howard als Chance wieder großen Profit zu machen. Sie beginnt eine Affäre mit Max, dem Nachrichtenchef, und klettert die Karriereleiter immer höher bis sie schließlich die ‚,Howard Beale Show‘‘ ins Leben ruft. Doch wo endet Ambition und wo beginnt Karriere um jeden Preis?

The Network ist ein Film, der packt. Nicht etwa, weil er mit reichlich Action und Special Effects versucht zu überzeugen. Oder weil es viel nackte Haut zu sehen gibt. The Network packt einen, weil er unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält.

In der Welt der Unterhaltungsindustrie zählen nur Einschaltquoten und der damit einhergehende Gewinn. Denn Geld regiert die Welt. Und The Network fängt es perfekt ein. Auf gesellschaftspolitischer Ebene kritisiert er die Generation Fernsehen. Dazu gehören die Macher und Zuschauer gleichermaßen. Auf der Seite der Macher stehen Max und Diana.

Max ist ein Mann fortgeschrittenen Alters, Howards Freund und um ihn besorgt. Er versucht ihm noch aus der Krise zu helfen, doch wird von seinen Kollegen und Diana in dem Vorhaben als Hindernis der Quoten gesehen. Inmitten dessen beginnen er und Diana eine Affäre miteinander, während er bereits seit 25 Jahren verheiratet ist.

Diana ist eine Karrieren-fixierte Frau und ihr Ziel ist es, den Sender auf Platz Eins zu bringen. Und diesen Plan verfolgt sie um jeden Preis und geht dafür sogar über Leichen. Sie sorgt dafür, dass der psychisch labile Howard eine eigene Show bekommt, nur damit die Quoten steigen. Ihr Motto ist immer extremer, immer lauter, immer schockierender.

Sie ist ein Beispiel dafür, wie emotional abgestumpft man sein kann. Denn sie erfüllt in The Network das Klischee einer erfolgreichen Frau, die durch ihre Ambition nicht fähig ist eine erfolgreiche Beziehung zu führen.

Auf der Seite der Zuschauer stehen Howard und sein Publikum. Howard ist der Meinung nach seiner Kündigung ,,im Besitz einer großen, letzten Wahrheit‘‘ zu sein. Er beginnt zu seinem Publikum auf direktem Weg zu sprechen und offenbart ihnen seine tiefsten Gedanken zum Showgeschäft. Damit schlägt er sich auf die Seite der Zuschauer, da er eine Art Rebellion gegen das TV führen will. Auffällig sind die vielen christlichen Referenzen im Film, welche das Machtverhältnis zwischen Zuschauer und ‚,Prediger‘‘ Howard Beale verdeutlichen. Hier greift die Kritik am Zuschauerverhalten ein. The Network macht klar, wie Zuschauer der Röhre (TV) aus der Hand fressen und dabei verlernen selbst zu denken. Besonders eindrucksvoll ist eine Szene, in der Zuschauer wegen Howard im Kollektiv aus dem Fenster schreien: ,,Ihr könnt mich alle am Arsch lecken. Ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen!‘‘ Aber anstatt daraufhin wirklich selbstständig zu denken und handeln, tun sie einfach das, was ihnen gesagt wurde. Genauso klatschen sie begeistert, wenn er zwei Dinge predigt, die sich aber widersprechen. Der Film zeigt hier, wie das Individuum den Massenmedien unterliegt und kritisches Denken verliert.

Die immer gegenwärtige Teilung in ehrlich/hinterlistig, Illusion/Realität, Masse/Individuum, Macher/Zuschauer wird durch eine interessante Lichtsetzung verdeutlicht. Häufig verschwinden Gesichter oder ganze Menschengruppen im Schatten, anderes bleibt im Licht. Hier bleibt viel Interpretationsspielraum für den Zuschauer.

Ein eher unerfreulicher Aspekt des Films ist die Charakterentwicklung.

Es gestaltet sich wirklich schwierig eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen. Es steht fast nur die professionelle Seite der Personen im Vordergrund und man bekommt nur selten Einblicke in die persönliche Geschichte. Und damit fehlt es an Punkten, mit denen man sich als Zuschauer identifizieren kann. Aus diesem Grund fehlt auch die Sympathie gegenüber Diana und Howard. Denn Howards Figur scheint nur ein Platzhalter für jeden beliebigen mitreißenden, etwas verrückten Menschen zu sein. Der Film bietet keine Gelegenheit seine Gefühlswelt besser kennenzulernen und zu verstehen, woher seine plötzliche Veränderung kommt.

Auch Dianas Charakter erlebt so gut wie keine Weiterentwicklung, was sehr schade ist. The Network bietet ihrer Figur mehrmals die Chance einen Schritt nach vorne zu machen, was aber nicht genutzt wird. Man erlebt sie daher als eindimensionale Figur.

Max Schumacher hingegen durchlebt im Film eine spannende Reise der Selbstfindung und ein turbulentes Gefühlschaos. Von einer Entlassung, neuen Verliebtheit bis hin zur Trennung und Erkenntnis. Bei seiner Geschichte fiebert man wirklich mit.

Trotzdem handelt es sich bei The Network um einen absolut sehenswerten Film.

Aufgrund der Storyline und der Dialoge erlebt man den Film als einen verbotenen Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie.

Die Dialoge, sowie die Monologe der Figuren sind so brillant geschrieben, dass man merkt, jedes Wort wurde absichtlich genau so gewählt. Sie fesseln einen an den Stuhl, vor Angst, dass man einen einzigen genialen Satz verpassen könnte. So gewann The Network einen Oscar für das beste Originaldrehbuch. Auch handwerklich sticht der Film heraus. Durch ein Spiel von Lichtsetzung, Farbgebung und Kameraeinstellungen gewinnt der Film an Dynamik und regt den Zuschauer zum Nachdenken an.

Aber vor allem gibt The Network seinen Zuschauern einen wichtigen Rat mit auf den Weg. Nämlich neben Karriere und Macht auch die wichtigen Dinge im Leben nicht zu vergessen. Er zeigt uns, dass großer Erfolg meistens auch Isolation bedeutet. Und, dass Menschlichkeit, wie Leiden und Freunde zu empfinden, unbezahlbar ist.

verfasst im Sommersemester 2018

Network…: eine Rezension von Kerstin Nagl

Die USA sind Mitte der 1970er Jahre durch die erste Ölpreiskrise wirtschaftlich angeschlagen und politisch erschüttert durch die Watergate-Affäre sowie weltweite Terror-Aktionen. In den Nachrichten wird wenig Positives berichtet und viele Amerikaner ziehen sich deshalb in ihr Privatleben zurück. Vor diesem Hintergrund sinken die Einschaltquoten der Nachrichtensendungen des (fiktiven) Fernsehsenders UBS und das bekommt auch der altgediente Moderator Howard Beale zu spüren – ihm wird gekündigt.

So beginnt „Network“, ein Film des Regisseurs Sidney Lumet aus dem Jahr 1976. Was zu Beginn nach einer Bestandsaufnahme aussieht, entwickelt sich zu einer immer absurder werdenden Satire der medialen und gesellschaftlichen Situation. Beale, der seinen Selbstmord in einer seiner letzten Live-Sendungen ankündigt und von einer übersinnlichen Stimme berichtet, die ihm “die Wahrheit“ berichtet, wird von seinen Kollegen für verrückt erklärt. Die Zuschauer allerdings quotieren seine Auftritte mit einer gesteigerten Sehbeteiligung. Auch eine junge Redakteurin ist begeistert. Diana Christensen, Leiterin des Unterhaltungsressorts, möchte die Nachrichtensendung übernehmen, um sie in eine Nachrichtenshow zu verwandeln. Zwischen ihr und dem langjährigen Nachrichten-Chefredakteur Max Shoemaker entwickelt sich ein Konflikt, der letztendlich in einer Affäre mündet. Im weiteren Verlauf dreht sich die Spirale der absurden Entwicklungen, angetrieben durch die Fixierung auf Einschaltquoten und Profitsteigerung, immer weiter und die Situation gerät zunehmend außer Kontrolle.

Die Kritik an der Gesellschaft und der Medienwelt in „Network“ ist vielschichtig. Die Fixierung auf den Profit und die Hinwendung zu seichter und sensationsreicher Berichterstattung wird der jungen Generation an Medienschaffenden zugeschrieben, während die ältere Generation in der guten alten Zeit verharrt, also de facto ebenfalls nicht zu einer Lösung der Situation beiträgt. Auch auf der zwischenmenschlichen Ebene wird ein Generationenkonflikt ausgetragen. Die Affäre der jungen Christensen und des alten Shoemaker ist, durch Christensens Verhalten, gezeichnet von mangelnder Empathie und der rastlosen Jagd nach der besten Version des eigenen Lebens. Eine Kritik am individuellen und kontinuierlichen Selbstoptimierungsgedanken jener Zeit. Ebenfalls thematisiert werden Verschwörungstheorien, die aufgrund der Ölpreiskrise gegenüber arabischen Investoren in den USA kursierten.

Schade, dass diese vielschichtige Kritik nur oberflächlich umgesetzt wird. So erscheinen beispielsweise die Charaktere lediglich als Stereotypen ihrer Zeit. Max Shoemaker als erfahrener Redakteur wird als verführtes Opfer der jungen Generation gezeigt. Am Ende tritt er jedoch als starker Mann auf, der anscheinend aus eigener Kraft den richtigen Weg wiedergefunden hat. Seine Antagonistin und spätere Geliebte Diana Christensen erscheint zunächst als selbstständige Frau der neuen weiblichen Generation, die selbstbewusst ihren Weg geht. Allerdings erreicht sie ihre Ziele in der männerdominierten Medienwelt nicht durch Intelligenz, wie man erwarten könnte, sondern durch ihren Charme. Auch sie bricht also nicht aus den stereotypen Erwartungen jener Zeit aus. Zudem erfährt der Zuschauer über das Innenleben der Charaktere wenig. Besonders bei Beale, der als Protagonist zunehmend im Hintergrund verschwindet, fällt dies auf. Es mag sein, dass diese eindimensionale und oberflächliche Charakterzeichnung als Stilmittel der Gesellschaftskritik konzipiert ist – auf den Zuschauer wirkt sie auf Dauer ermüdend und steht einem kritischen Zugang zum Inhalt eher hinderlich entgegen.

Aus dem Blickwinkel junger Kinozuschauer der heutigen Zeit wirkt die visuelle Erzählweise eher ruhig. Die Kamera nimmt eine beobachtende Position ein und zeigt die Situationen als Ganzes. Auch schnelle oder auffällige Schnitte und Kamerabewegungen sind in den Sequenzen nicht zu finden. Dadurch wirkt die Darstellung realitätsnah, aber auch etwas distanziert. Die Zusammenfassung von Ereignissen durch eine Off-Stimme verstärkt diesen Effekt. Damit steht die visuelle Gestaltung im Gegensatz zu den überspitzten und teilweise überdrehten Entwicklungen auf der inhaltlichen Ebene. Der Zuschauer nimmt die zunehmende Absurdität dadurch etwas verzögert war und die Wirkung des Films entfaltet sich erst im Nachgang durch die Reflektion des Inhalts.

Sidney Lumet fängt mit „Network“ die Stimmung zwischen Krise und gesellschaftlichem Wandel in den USA der 1970er Jahre nachvollziehbar ein. Er wirft zudem Fragen auf, die auch heute noch gestellt werden: Die Dominanz der Einschaltquote bei Entscheidungen zur Programmgestaltung, die Macht von Geldgebern auf Programminhalte, die Hinwendung zu Soft-News in Zeiten der Krise und der Umgang zwischen Männern und Frauen in der Medienwelt – Diskussionsstoff, der auch nach gut 40 Jahren noch aktuell erscheint. Allerdings bietet dieser Film, auch wenn er eine Satire ist, keinen durchweg unterhaltenden Zugang zu den Themen. Das zuweilen langsame Tempo, die Distanz zu den Charakteren und die seichte Umsetzung der Kritik erfordern einen an der Sache interessierten Zuschauer.

verfasst im Sommersemester 2018

Hinweis zu verwendeter Literatur zum zeitgeschichtlichen Kontext des Films:

Borstelmann, Thomas: The 1970s. A new global history from Civil Rights to Economic Inequality. Princeton, 2012.

Jarausch, Konrad H.: Krise oder Aufbruch? Historische Annäherungen an die 1970er-Jahre. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3 (2006). Abrufbar unter: http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2006/id=4539 (Druckausgabe: S. 334-341).